Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen

EN 1149-5 – Elektrostatisch ableitfähige Schutzkleidung

Kurz gesagt: EN 1149-5 regelt Kleidung, die sich nicht elektrostatisch auflädt – gedacht für explosionsgefährdete Bereiche, wo ein einziger Funke reicht. Die Kleidung leitet Ladung ab, statt sie zu speichern. Entscheidend ist dabei: Sie wirkt nur als geschlossenes System – zusammen mit ableitfähigem Schuhwerk auf leitfähigem Boden. Die Jacke allein tut es nicht.

Wie ableitfähige Kleidung funktioniert

Elektrostatische Aufladung entsteht durch einen Überschuss oder Mangel an Elektronen auf der Oberfläche. Das passiert überall dort, wo schlecht leitende Stoffe aneinander reiben oder voneinander getrennt werden: beim Abwickeln von Papier- oder Stoffbahnen, beim Gehen auf isolierendem Untergrund, beim Abfüllen von Flüssigkeiten oder beim Transport pulverförmiger Stoffe durch Rohrleitungen.

Wie stark sich Kleidung auflädt, hängt vom Material ab, von der Bewegungsgeschwindigkeit und von der Luftfeuchtigkeit. Um die Ladung gar nicht erst entstehen zu lassen oder sie sofort abzuführen, werden ins Gewebe ableitfähige Fäden eingewoben oder ein Anteil ableitfähiger Fasern in die Fäden eingesponnen. In unseren Multinorm-Geweben liegt dieser Anteil bei etwa einem Prozent – sichtbar als feines Raster.

Die Bewertung der Kleidung erfolgt über EN 1149-3, das Prüfverfahren für den Ladungsabbau. EN 1149-5 legt darauf aufbauend die Anforderungen an Material und Konstruktion fest.

Das System: Kleidung, Schuh, Boden

Der wichtigste Punkt überhaupt In explosionsgefährdeten Bereichen dürfen sich Schutzkleidung und Person nicht aufladen. Deshalb wird ableitfähige Kleidung immer in Kombination mit ableitfähigem Sicherheitsschuhwerk auf einem ableitfähigen, geerdeten Boden eingesetzt. Fehlt ein Glied der Kette, bleibt die Ladung auf der Person – die Kleidung allein löst das Problem nicht.

Daraus folgen zwei Trageregeln, die keine Empfehlung sind, sondern Voraussetzung für die Schutzwirkung:

  • Vollständig geschlossen und eng anliegend tragen. Eine offene Jacke unterbricht die Ableitung und legt darunterliegende, nicht ableitfähige Kleidung frei.
  • Im Ex-Bereich nicht an- oder ausziehen. Genau beim Trennen zweier Textiloberflächen entsteht die stärkste Aufladung – also exakt der Moment, den man im gefährdeten Bereich vermeiden muss.

Die 5-cm-Regel bei der Veredelung

Jedes nicht ableitfähige Teil auf der Außenseite ist eine potenzielle Ladungsinsel. Deshalb ist die Veredelung ableitfähiger Kleidung eng begrenzt:

Grenzwerte für Applikationen

Nicht ableitfähige Zusatzteile an der Außenseite – Etiketten, Kundenlogos, Reflexstreifen – dürfen nicht breiter als 5 cm sein und sind auf eine Fläche von maximal 10 × 10 cm beschränkt. Sie müssen dauerhaft angebracht sein. Für größere Applikationen müssen Prüfdaten vorliegen, die belegen, dass unter ungünstigen Bedingungen keine zündfähigen Entladungen auftreten können.

Diese Grenze erklärt nebenbei ein Konstruktionsdetail unserer Warnschutzkleidung: Die Reflexstreifen sind 5 cm breit – genau an der Grenze, die die Norm für nicht ableitfähige Applikationen zieht. Das ist kein Zufall, sondern Konstruktion entlang der Normvorgabe.

Weil ableitfähige Kleidung meist zugleich Multinorm-Ware der PSA-Kategorie III ist, darf sie ohnehin nur vom Hersteller verändert werden – mit Meldung an das Prüfinstitut. Kläre Veredelungen deshalb vorab, nicht im Nachhinein.

Wo ableitfähige Kleidung gebraucht wird

  • Chemische und pharmazeutische Industrie
  • Raffinerien und Tanklager
  • Misch- und Förderanlagen, Mühlen
  • Lackierbetriebe
  • Entleerung von Silosattelfahrzeugen

Gemeinsam ist diesen Bereichen, dass brennbare Gase, Dämpfe oder Stäube auftreten können – und dass die Zündenergie, die zur Entzündung reicht, extrem gering ist. Ein Funke aus statischer Aufladung genügt.

Nicht verwechseln: EN 1149 ist kein ESD-Schutz

Zwei Normen, zwei völlig verschiedene Schutzgüter EN 1149 schützt Menschen – vor der Zündung einer explosionsfähigen Atmosphäre. Sie ist Persönliche Schutzausrüstung. IEC 61340 (ESD) schützt elektronische Bauteile vor Entladungsschäden. Sie ist keine PSA.

Der Unterschied ist praktisch relevant: EN-1149-Kleidung ist nicht automatisch ESD-tauglich im Sinne des Bauteilschutzes, weil dort andere Kennwerte geprüft werden. Umgekehrt ersetzt ESD-Kleidung keine ableitfähige Schutzkleidung für den Ex-Bereich. Wer im Ex-Bereich arbeitet, braucht EN 1149-5 – wer in der Elektronikfertigung arbeitet, braucht ESD-Ausstattung. Beides zu verwechseln kann in beide Richtungen teuer werden.

Kollektionen mit Elektrostatik-Schutz

39 Modelle unserer Kollektionen sind nach EN 1149 geprüft. Sie tragen durchgehend auch Flammschutz nach EN ISO 11612 und Störlichtbogenschutz nach IEC 61482-2 – denn wo Zündgefahr besteht, ist Hitzeschutz ohnehin Thema.

Häufige Fragen

Reicht eine ableitfähige Jacke aus?

Nein. Die Schutzwirkung entsteht nur im System aus ableitfähiger Kleidung, ableitfähigem Schuhwerk und einem ableitfähigen, geerdeten Boden. Fehlt ein Glied, bleibt die Ladung auf der Person.

Warum darf ich die Kleidung im Ex-Bereich nicht ausziehen?

Weil beim Trennen zweier Textiloberflächen die stärkste elektrostatische Aufladung entsteht. Genau dieser Moment ist im explosionsgefährdeten Bereich zu vermeiden. An- und Ausziehen gehört außerhalb der Zone.

Darf ich ein Firmenlogo aufbringen lassen?

Nur in engen Grenzen: Nicht ableitfähige Applikationen dürfen nicht breiter als 5 cm sein und höchstens 10 × 10 cm Fläche einnehmen. Größere Applikationen brauchen Prüfdaten. Da die Kleidung meist PSA-Kategorie III ist, darf ohnehin nur der Hersteller verändern.

Ist EN-1149-Kleidung auch ESD-Schutzkleidung?

Nein. EN 1149 schützt Menschen vor Zündgefahr in explosionsfähiger Atmosphäre. ESD-Kleidung nach IEC 61340 schützt elektronische Bauteile und ist keine PSA. Die geprüften Kennwerte sind unterschiedlich – die eine ersetzt die andere nicht.

Verliert die Kleidung ihre Ableitfähigkeit durch Waschen?

Bei eingewobenen ableitfähigen Fäden bleibt die Funktion erhalten, solange das Raster mechanisch intakt ist. Achte auf die zulässigen Waschverfahren am Artikel – bei industrieller Wäsche zusätzlich auf die Eignung nach EN ISO 15797.

Beratung Elektrostatik

Ableitfähig wirkt nur
im geschlossenen System.

Wir klären mit dir, ob deine Bereiche eine ableitfähige Ausstattung verlangen, was das für Schuhwerk und Boden bedeutet und welche Grenzen bei der Veredelung gelten.

Stand: Juli 2026